Monat: November 2010

„Spiegel der Blinden“

Gepostet am Aktualisiert am


berlin 2010 by rue23

„Du betrittst den Raum mit einem Puzzle in der Hand.
Einzelteile, die Handflächen zerschneiden…
Liebe, Sehnsucht und die Angst davor.“
– rue23 / 18. Dezember 2010 –

„Spiegel der Blinden – Kurzgeschichten über Freunde, das Internet & Co“ beinhaltet Auszüge aus einem Manuskript welches sich noch in der Entwicklung befindet.
Hierbei handelt es sich um Erlebtes und Gesehendes, welches versucht wird in kleinen Geschichten den Leser zu erreichen.
Die Inhalte umfassen Themen wie das Internet, Erfahrungen mit sozialen Netzwerken, Freundschaften und der multimedialen Welt.
Es geht hier nicht um einen Weltverbesserungsplan, oder der Absicht meine Person in den Vordergrund zu stellen, sondern eher darum, bestimmte Dinge zu hinterfragen, zu kritisieren und eine von vielen möglichen Sichtweisen auf Diese wiederzugeben.
Die Illustration des Buches wird im Laufe der Entstehung dieses Blogs vervollständigt und nun wünsche ich viel Spass beim Lesen.

"Spiegel der Blinden" - Kurzgeschichten über Freunde, das Internet & Co

„Spiegel der Blinden“
( Kurzgeschichten über Freunde, das Internet & Co )

„Die Kunst zu verhungern, während Andere deine Seele verzerren…“

PROLOG

Ein Migrant bricht das Auto seines Vaters auf, simuliertes Ghetto in den Strassen der Armut. Das Existenzminimum des Daseins besteht schon lange darin, zu höhren, was die Anderen tun, zu glauben, was die Medien sagen, auch wenn diese sich ständig widersprechen.
Der Migrant war gekauft, weil er arm war und Reallity TV so gut zahlt.
Ausländerhetze für Anti – Terrorgesetze.
Einhundertundvierzig für den durch das Fenster geworfenen Mülleimer, für das Aufbrechen von Vaters Auto ganze vierhundert.
Bad Boy Buisnessman !

Kleine Mädchen wippen mit ihren Hüften vor den Kameras auf und ab, oder flüstern mit süssen Stimmen in die Telefone.
Auf der anderen Seite ein älterer Herr, der sich seine Schenkeln reibt.
Seine Frau ist grad mit den Kindern zum Einkauf.
Die Mädchen tun naiv.
Scheinheilig herrscht zweidimensionale Verliebtheit.
Ein entschlossener Herr verabredet sich und trifft das Mädchen
im Hotel.
Schmutzige Fantasien bei Millionen und ein Schwitzen.

Beide sitzen am Tisch und führen eine Unterhaltung.
Er stellt ihr eindeutige Fragen und sie antwortet unsicher,
denoch erfahren.
Verührerische 16, anstatt der gelogenen 14.
Es gebe dort ein Zimmer, welches sehr gemütlich sei und hervorragend für das geplante Foto-Shooting geeignet ist. Die Zuschauer warten sehnsuchtsvoll.

Im letzten Teil stürmt ein Kamerateam herein, zielstrebig auf das Mädchen und den Mann zu.
Er wird zur Rede gestellt, die Kamera auf sein Gesicht gerichtet.
Auf frischer Tat ertappt und blossgestellt, bricht der Mann reuemütig vor der Kamera zusammen und versichert, so etwas nie wieder zu tun.

Kopfschütteln beim Publikum und spannend warten auf den nächsten Teil, während irgendwo im Draussen unsere Kinder schreien und die Welt vor ihren Fernsehern sitzt.

DAS GESCHÄFT MIT DER ARMUT

Traurig und abgemagert schaut mir dieses Kind entgegen.
Daneben Kontaktdaten und Kontoverbindung.
Helft durch Spenden !
Millionen Menschen in Afrika sterben täglich an den Folgen von AIDS.
Es sind nicht die Kontodaten der Betroffenen, die neben der Anzeige
stehen, sondern die Derer, die betroffen tun, weil sie Geld riechen können.
Das sind auch Jene, die in den eigenen Ländern genau diese Mittel
kürzen, oder sie streichen, weil eine neue Reform her muss.
Der Wohlstand muss noch reicher werden, so lautet die Reform.

Ich klicke weiter, suche nach weissen Menschen mit AIDS.
Nach kurzer Zeit werde ich fündig.
Ein Baby mit tiefseeblauen Augen, Grübchen im Kinn schaut vor sterilem, weissen Hintergrund in die Kamera.
Es steht eine halbe Abstammungsurkunde darunter.
Die Augen habe es von Papa, das Kinn vom Opa und AIDS von der Mama.
Mir fehlen die Worte.
Ich suche nach den Kontendaten und finde sie nicht.
Stattdessen Kleinanzeigen für Singles und Lebensversicherungen.

Ein AZT verseuchtes Kinderkrankenhaus in den Staaten.
Die Mitarbeiter stürmen die Familien und stehlen deren Kinder.
Medikamentenanordnung.
Der Bericht erschüttert mich.
Weiter geht es mit Bildern, in denen Kinder zu sehen sind, abgemagert
und verloren.
Sie werden interviewt, erzählen vor laufender Kamera vom Schlauchschlucken bei Medikamentenverweigerung.
Einige haben Schäden.
Die Organe versagen aufgrund zu hoher Medikamentendosierungen.
Lebensqualtät gibt es nicht mehr.
Eine Mutter erzählt, das das Land, indem sie lebt, all das erlaubt
und das Recht des Kindes in den Händen der Regierung liegt,
obwohl nicht Diese es war, die das Kind gebar.
Die Medien berichten davon, doch nichts hat sich geändert.
Es wurd vergessen.
Das Krankenhaus mit den verseuchten Kindern.

NEULICH IN DER BERATUNGSSTELLE

Vor mir ein netter Typ mittlerern Alters, schwarzgekleidet und hilfsbereit.
Mein Anliegen ist der Wunsch, wieder ruhig schlafen zu können.
Vor mir liegt ein grauer Ordner mit Karteikärtchen und in ihm hunderte von Briefen.
Meine Krankenkasse fordert 3500 Euro vom letzten Jahr, obwohl wissentlich alle Beiträge längst bezahlt sind.
Der Sachbearbeiter klärt mich auf, erklärt mir, das es wohl nun um ca. 7000 Euro gehen würde
Mir wird kurz übel und unwohl zumute.
Das als Mittelloser, arbeitsunfähig seit mehr als 15 jahren, das Geld kommt vom Staat, die zu zahlenden Krankenkassenbeiträge auch.
Wir rufen die zuständige Krankenkasse an und stellen Fragen, wollen wissen wie dieser Betrag zustande kam.
Eine Frau am anderen Ende, die erklärt, das man mich anschrieb, um über die Beitragserhöhungen zu informieren.
Die Höhe in keinem Schreiben erwähnt, der Brief blieb von mir unbeantwortet, da ich davon ausging, das Alles läuft wie gewohnt.
Es folgte eine Neuberechnung, trotz der eingehenden Zahlungen durch öffentliche Stellen.
Man gehe nun davon aus, das ich selbst verdiene, – 3600 Euro im Monat.
Meine Beitragsleistung zahlt weiterhin der Staat, überwiesen vom Grundsicherungsamt.
Es sollte doch deutlich sein, das meine Situation die Gleiche ist wie in all den Jahren zuvor.
„Krankenkassen denken nicht“, so der Satz des mir gegenübersitzenden Sachbearbeiters.
Ich schüttele den Kopf.
Er versucht zu klären, fragt, welche Einrichtung für Hilfebedürftige Beitragszahlungen bei einem montalichen Einkommen von 3600 Euro übernimmt.
Es folgt ein Schweigen am anderen Ende der Leitung.
Nach 2 weiteren Fragen und 3 erneuten Schweigen, bedankt sich der Sachbearbeiter für das schweigende Gespräch, legt den Hörer auf und bietet mir an, einen Anwalt einzuschalten.
Warten auf den nächsten Schritt.

TECHNISCHER WAHNSINN

Auf der anderen Seite des Planeten sitzt ein alter Mann.
Er ist einsam.
Hinter einem Glas Billigwein geniesst er seinen Feierabend.
Seine Langeweile und das Desinteresse gegenüber seiner Person,
lassen ihn in seinen Schreibtischsessel fallen.
Er schaltet den Monitor ein und öffnet seine alltäglichen Portale.
In diversen Cyberchaträumen irrt er umher, auf der Suche nach
Freundschaft und Geborgenheit.
Das tun Andere schliesslich ja auch.

Fündig und einen Kontakt geknüpft, fängt er an zu erzählen
und zu sammeln. Alles wirkt so vetraut, und nah.
Denoch bringt all Dieses noch andere Dinge mitsich.
Es enstehen Emotionen, emotionale Abhängigkeiten und
der Anspruch, das einem der neue Freund zuhört, wenn man reden will.

Nervöses Rumrutschen im Sessel und noch immer keine Nachricht.
Der Mensch, der nichts von sich hält, spürt Wut und Verlustangst,
fühlt sich alleingelassen.
Er beginnt zu schwitzen und will reden, – und zwar genau jetzt.
Beschimpfungen strömen durch dünne Glasfaserkabel, durchlaufen
in Einsen und Nullen verschiedene Stellen, um beim Empfänger in der
sogenannten Inbox als neue Nachricht zu landen.
Ausgerechnet jetzt, als hätte man doch zur Zeit nichts Anderes mit
dem man sich beschäftigen muss im Kopf.
Da ist der neue Partner, der grad zu Einem zieht, oder der Computer
kaputt und man versucht zu sortieren, will das klären, doch auf der
anderen Seite kocht der Emotionskessel.
Das Alles hört sich an wie eine Bziehungskrise in einer Daily Soap.
Nur ist es diesmal leider keine TV Story

Auf der anderen Seite werden gesammelte Fotoalben manipuliert
und ins Netz gestellt.
Soll der beschäftigte Freund doch sehen, wie sehr man nach ihm verlangt
und die Wut spüren, die der Billigwein verstärkt.
Dessen aber noch nicht genug, – nein !
Die ganze Welt muss und soll das wissen, was bislang vertraulich unter Freunden war.

Chronische Krankheiten für Millionen, den engsten Kreis interessiert das nicht.
Die örtlichen Behörden stellen das Verfahren ein.
Sexueller Missbrauch an Schutzbefohlene als Vorwurf und das Soziale Netzwerk korrespendiert.
Nettikette tötet und Freunde sterben.
Im Nachbarraum brennt eine Pizza an.
Privates hat in der Öffentlichkeit nichts zu suchen, war doch die Meinung des
grössten Teils, denoch wird es publiziert.
So wird die Gelegenheit durch den Netzwerkbetreiber beim Schopf gepackt und das persönliche Profil sämtlicher Involvierten, seien es nur Angeschriebene kann erstellt werden, um dann die Daten an andere Firmen zu verkaufen.
Digitale Sicherheit in Onlinesafes und Spam in der Mailbox.
Plötzlich taucht ein Foto auf, – auf ihm zu sehen sind eine Mutter und ihr Kind.
Eine neue Nachricht in der Inbox und wieder vergehen Stunden.
Der Emfänger ist nicht mehr handlungsfähig und in seinem Kopf drehen sich Gedanken im Kreis.
Diese Mutter, erst kürzlich verstorben und nun als Mittel zum Erbetteln von Aufmerksamkeit.
Der, der da schreit, sitzt am anderen Ende der Welt, aber die Freunde eines Freundes sind natürlich jetzt auch seine.
Schliesslich hat man ihn ja auch mal so sympatisch vorgestellt.
Es landen Nachrichten in den Inboxen der Freunde.
Beleidigungen, Vorwürfe von Dummheit und blinder Liebe.
Namen und bekannte digitale Postadressen werden missbraucht.
Es schiessen neue Profile aus den Böden der sozialen Netzwerke.
Der Täter reibt sich zufrieden die Hände.
Er glaubt an faulen Zauber, inzeniert billige Rituale und ernennt sich selbst zu Gott, den Keiner stoppt.
Zuhören tun ihm nur wenige und er bricht erneut zusammen, erneut allein.
Ob er sich irgendwann dieselbe Frage stellt wie damals dieser Freund ?
Wer und was bin ich eigentlich ?
Ein Freund, oder nur ein Täter ?
Eine neue Nachricht erreicht meine Inbox.

WER FREUNDE BELÜGT, BELÜGT AUCH DICH

Rockgitarren und deutsche Texte. Ein Sänger singt von Selbstmord.
Im nächsten Song geht es um Ungerechtigkeit. Ich kenne diese Band,
hab sie zuvor schonmal live gesehen. Damals spielte der Sänger als
Gitarrist in einer anderen Formation eine ähnliche Musik, nur „unplugged´´.
Auf der Bühne war ein Tisch, auf dem eine Kerze stand und neben ihr ein Bild.
Es roch nach Räucherwaren, während ein junger Mann mit warmer, kraftvoller Stimme in das Mikrofon sang.
Seine Stimme schien Teppiche zu weben, die Einen sanft einbetteten.
Hunger und Armut waren damals das Thema. Alles für den guten Zweck.
Man spendete Essen und versprach sich Freundschaft.
Ich genoss, wenn auch kritisch.
Die Stimme verstummte schnell, die Gründe waren ungenau.
Es war nicht das erste Aus.
Damals war es anfänglich der Sänger, der zuviel trank, danach der Schlagzeuger.
Warum weiss keiner so genau und später dann der Bassist, dessen Name heute Keiner spricht.
Nun singt er selbst. Der Gitarrist, schlägt in alle Saiten und weint ins Mikrofon. Er hat die Sprache gewechselt, die Musik ist zum grössten Teil die Gleiche, manche Textpassagen geklaut und das Autogram vom Superstar eine Fälschung.
Man erfreut sich der weiblichen Anhängerschaft und prostituiert sich für Kollegen. Mit sauberer Stimme und durchstrukturiertren Melodien, fehlerfrei gespielt, singt man von der Armut, die man nicht erfahren hat, spricht von Punk, den man nie wirklich gelebt oder erlebt hat, weil die Wahrheit eben eine Andere ist.
Weltverbesserungsmelodien von Menschen, die ihre Freunde belügen und ihnen auch noch in den Allerwertesten treten.
Alles in Allem, der totale Blindflug und somit ein eher langweiliges Kapitel.